Archiv für Juli, 2008

geschrieben von Chris (13. Juli 2008)
Kategorie: Allgemein, Deutschland, Politik
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Für den Spiegel und die Zeit ist die neue Diskussion über Kernenergie ein Titelthema wert. Auch die JuLis diskutieren:

Christian Müller sagt: Atomstrom, das kleinere Übel

Kernkraftwerke sind sicher und Klima freundlich. Ein nüchterner Blick auf die Daten zeigt dies.

Das Paul-Scherrer-Institut berechnete, dass bei gleicher, erzeugter Strommenge innerhalb eines Jahres mit 45-mal weniger Unfalltoden bei Kernkraftwerken als bei Wasserkraftwerken zu rechnen ist. Je dezentraler die Energiegewinnung organisiert ist, desto arbeitsintensiver und unfallreicher ist die Energiegewinnung.

Selbst das aus der Antiatomkraftbewegung hevorgegangene Öko-Institut e.V.
kommt zu dem Schluss, dass die Stromgewinnung aus Kernenergie dreimal weniger CO2 ausstößt als die mit Solarzellen.

Wieso ist dann die Kernkraft so unpopulär? Es liegt an der Wahrnehmung, wie auch bei Flugzeugen. Das Flugzeug ist das sicherste Fortbewegungsmittel, aber die Menschen haben am meisten Angst davor. Die tausende Unfälle im Straßenverkehr werden aufgrund ihre geringe Opferzahl unterschätzt und die wenigen Flugunfälle mit ihren hohen Opferzahlen überschätzt. Bei der Kernenergie ist die Bevölkerung sensibilisiert und reagiert stark auf jeden Zwischenfall. Explodierende Biogasanlagen in der unmittelbarer Nachbarschaft werden hingegen ignoriert und höchstens belächelt. Würde man von tickende Zeitbomben sprechen, wenn zufällig eine Gruppe Kinder in der Nähe gewesen wäre?

Auch alle anderen Energiegewinnungen bergen ihre Risiken für Umwelt und Menschen, die gerne vergessen werden. Der Kohlebergbau in Deutschland hat die Lungen von unzähligen Kumpeln vernichtet, die alten Stollen sorgen für Erdbeben und Grubenunglück haben hunderte Tode in den letzten 50 Jahren alleine in Deutschland gefordert. Die Arbeit im Kernkraftwerk hingegen ist sogar „gesundheitsschonender“ als Berufsfliegen. Der Braunkohleabbau gräbt ganz Landschaften um und Wasserkraftwerke überfluten ganze Landstriche oder unterbrechen ganze Lebenszyklen (z.B. Nil), während Atomkraft lokal und auf minimaler Fläche entstehen. Der Slogan „Bauern zu Ölscheichs“ macht Arme zu Hungerden. Überraschend scheint nun die Geothermie zu Bodenabsenkungen und somit Zerstörung von Gebäude an der Oberfläche führen können.

Um die besten Entscheidungen zu treffen, darf man sich nicht auf Jahrzehnte alte Rhetorik und Panikmache verlassen. Jede Technologie vom Steinrad bis zum Space Shuttle birgt Gefahren für den Menschen, die Gesellschaft und Natur. Wie leicht man mit vermeintlich grüner Technologie der Umwelt, der Gesellschaft und den Menschen schaden kann, zeigen derzeit die steigenden Rohstoffpreis aufgrund des boomenden Biokraftstoffs und die daraus resultierenden Rodungen, Hungerleidenden und Unruhen. Man muss die Risiken wissenschaftlich analysieren und auf deren Basis Entscheidungen treffen. Die Intensität der öffentlichen Diskussion hingegen ist kein Maß für die Risiken einer Technologie. Man beachte hierbei die ausführliche Berichterstattung über die letzten Unfälle in Frankreich und Slowenien und vergleiche dies mit dem kümmerlichen Umfang bei der oben erwähnte explodierte Biogasanlage. Spiegelt die Anzahl der Medienbeiträge die tatsächliche Gefahr wider?

Die Kernspaltung ist mit Sicherheit nicht die Zukunft der Energiegewinnung. Doch derzeit gibt es keine Alternativen in der Stromerzeugung zu fossilen Brennstoffen, um ausreichend die Grundlast zu decken. Gerade der neuste Trend, Elektroautos als grüne Alternative zum herkömmlichen Auto, wird den Strombedarf um 6% steigern. Doch bevor man sich auf Kohle mit all ihren Risiken zurückgreift, sollte man die Kapazitäten der Kernkraftwerke in Deutschland voll ausnutzen.

Jochen Göbel sagt: Atomstrom? Lieber nicht!

Vorab möchte ich anmerken, dass es sicherlich sinnvoller ist im eigenen Land in „sicheren“ deutschen Atomkraftwerken eigenen Strom für die hiesige Bevölkerung zu produzieren als diesen vom Ausland, womöglich Osteuropa, hinzuzukaufen. Allerdings zeigt gerade das aktuelle Beispiel Tricastin in Frankreich, dass Atomstrom zu viele Gefahren und Risiken birgt. Hochradioaktive Flüssigkeit ist ausgelaufen und teilweise in umliegende Flüsse gelangt, die Bevölkerung erfuhr davon erst mit Verspätung.

Atomstrom ist und bleibt höchst risikobehaftet. Mit dem technologischen Fortschritt sollten die Atomanlagen sicherer und weniger störungsanfällig werden. Allerdings vergisst man dabei immer wieder, dass Menschen diese Anlagen bedienen. Menschen sind nicht fehlerfrei und so nützen auch die schärfsten Bestimmungen und modernste Technologie wenig, wenn Menschen Fehler machen und dazu vielleicht ein nicht einkalkuliertes technisches Versagen eintritt. Schlimmstes Beispiel ist hierfür sicherlich Tschernobyl. Allerdings wird in der Öffentlichkeit gerne verschwiegen bzw. heruntergespielt, dass sich auch in anderen Ländern Beinahekatastrophen abgespielt haben. Ganz zu schweigen von den ganzen Störfällen und „unwichtigen“ Unfällen, die sich immer wieder passieren. Ein abschreckendes Beispiel auf deutscher Seite ist das zwischenzeitlich vom Netz genommene Atomkraftwerk Biblis in Hessen.

Oftmals sprechen Atomkraftbefürworter von der sauberen Energie Atomkraft, die unsere Erde nicht weiter mit CO2 belastet. Richtig ist aber, dass für den Bau von Atomkraftwerken viel CO2 in die Atmosphäre gepustet wird, was diese Aussage zumindest teilweise revidiert. Wichtiger ist aber die Tatsache, dass Atomkraftwerke radioaktiven Müll als Endprodukt produzieren. Dieser Müll muss letztendlich irgendwo gelagert werden. Auf der ganzen Welt ist dieses Problem noch nicht gelöst worden. Warum? Weil niemand den Dreck in seinem eigenen Land will. Wiederaufbereitungsanlagen wie La Hague und Sellafield können längst nicht den ganzen radioaktiven Müll wiederverwerten und somit muss der Rest gelagert werden. Dass dies sehr problematisch ist, zeigt das Beispiel Atommülllager Asse II, wo jahrelang radioaktiv versuchte Lauge austrat, obwohl dies so genannte Experten für nicht möglich hielten. Atomstrom mag zwar auf den ersten Blick „sauber“ sein, auf den zweiten Blick drängt sich aber die Problematik der Lagerung des Atommülls auf. Von sauberer Energiegewinnung kann nicht mehr die Rede sein.

Atomkraftwerke bergen Risiken. Ein Unglück kann immer passieren und die Folgen sind katastrophal. Dieser unbequemen Wahrheit darf man sich nicht verschließen. Ebenso produzieren Atomkraftwerke radioaktiven Müll und die Frage der Endlagerung des Atommülls ist leider seit Jahrzehnten ungeklärt. Daher ist es sinnvoll mittelfristig aus der Atomenergie auszusteigen. Dies erhöht den Druck auf die Betreiber nach Alternativen zu suchen und befreit die Bevölkerung vom Damoklesschwert radioaktiver Gefahren.

Und was ist Eure Meinung?