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Soziale Marktwirtschaft?!
Die Bundesrepublik Deutschland rühmt sich, einen eigenen ökonomischen Weg gefunden zu haben: Die sogenannte Soziale Marktwirtschaft. Es gibt sogar eine Initiative mit dem Adjektiv „neu“ davor, die die Akzeptanz für die Reformen an der mittlerweile etwas eingerosteten Sozialen Marktwirtschaft steigern soll. Nichtsdestotrotz ist weiterhin die zentrale Idee der Sozialen Marktwirtschaft den freien wirtschaftlichen Wettbewerb mit einem sozialen Ausgleich in Einklang zu bringen. Bisher funktionierte das auch ganz gut.
In den letzten Jahren richtete sich das Augenmerk aber vor allem mehr auf die Marktwirtschaft als auf das Soziale. Aktuellstes Beispiel ist das weltweit größte Drogeriemarktunternehmen. Die alteingesessenen Filialen werden geschlossen und oft unweit von der alten Filiale wird eine neue und vor allem größere Filiale mit dem Zusatz XL eröffnet. Rein rechtlich gesehen handelt es sich hierbei um eine Tochterfirma und somit müssen die alten Arbeitnehmer nicht übernommen werden. Juristisch ist bisher alles soweit in Ordnung. Nur ist gültiges Recht auch richtig?
Alte Mitarbeiter werden gefeuert, neue über eine Zeitarbeitsfirma für die Hälfte des Lohnes und ohne Urlaubs- und Weihnachtsgeld angestellt. Recherchen von anerkannten Journalisten haben ergeben, dass die personellen Verflechtungen der Zeitarbeitsfirma und der Drogeriemarktkette in der Führungsetage immens sind. Ganz offensichtlich wird hier auf dem Rücken der (alten) Mitarbeiter versucht, massiv Kosten zu drücken ohne Rücksicht auf Verluste. Formal mag das alles rechtens sein, aber was ist mit der moralischen und sozialen Komponente? Sozial war wohl gestern und die soziale Verantwortung von Großunternehmen ist irgendwo auf dem Globalisierungstrip auf der Strecke geblieben…
Vielleicht sollte der Staat hier Möglichkeiten finden und Regelungen treffen, die solch betriebswirtschaftlich rationalem aber sozial und volkswirtschaftlich höchst fragwürdigem Verhalten einen Riegel vorschieben. Aber das soll Thema eines anderen Blogeintrages werden.
Kommentare:
8 Kommentare zu "Soziale Marktwirtschaft?!"
Bastian am 11. Januar 2010 um 18:45
Unglaublich! Trotz staatlicher Strangulierung und einer schlimmen Rezession kann das Lohnniveau nicht gehalten werden.
Christian am 11. Januar 2010 um 20:47
Unglaublich, für was die Krise alles herhalten muss. Für meinen Vorredner sogar für gesellschaftlich und moralisch sehr bedenkliches Verhalten. Firmen haben viele Möglichkeiten in der Krise die Personalkosten anzupassen: Befristete Arbeitsverträge nicht verlängern, Kurzarbeit, Tariferhöhungen verschieben, freiwillige Leistungen (z.B. Weihnachtsgeld) streichen. Auch das ist hart für die Arbeitnehmer. Doch es gibt einen großen Unterschied zu dem Verhalten von Schlecker. Es sind vorübergehende Maßnahmen, die enden, wenn die Krise vorbei ist. Das Verhalten von Schlecker ist ein Kahlschlag und dazu massiv. Ich bezweifel, dass die Arbeitsbedingungen nach der Krise wieder so sind, wie vorher… Ich freue mich auch, wenn sich der Staat aus den Angelegenheiten zweier Parteien heraushält, wann immer es geht. Doch warum soll der Staat gerade bei der “Lohnsache” nicht heraushalten? Die “Lohnsache” steht im Arbeitsvertrag und der Staat gibt dazu einen Rahmen vor (z.B. mind. 24 Urlaubstage). Anderen Eingriffen des Staates in die Verträge zweier “Parteien mit freiem Willen” verdanken wir zum Beispiel, dass wir defekte Ware bis zu 2 Jahre später noch umtauschen dürfen, Verträge mit Versicherungsvertretern auch 2 Wochen später noch gekündigt werden können, …
Jan am 11. Januar 2010 um 23:38
“Also warum sollte der Staat gerade bei der Lohnsache nicht mitreden dürfen? Nenne bitte diesmal Argument!” Hat er doch: Weil es ein Gebot der Vertragsfreiheit ist, dazu keine Position zu beziehen. Es ist Unsinn, zu behaupten, es wäre dem staatlichen Eingriff zu verdanken, dass es so etwas wie Garantiefristen gibt. Die gabs schon immer, früher waren sie aber mal ein Instrument des Wettbewerbs und wer Qualität lieferte, gab eben eine Garantie drauf. Heute muss sowas scheinbar bis ins Letzte geregelt werden, selbst Mindest- und Höchstpreise werden heutzutage schon festgesetzt - am liebsten gleich europaweit… Was Schlecker da gemacht hat, finde ich auch nicht in Ordnung. Ich kauf da allerdings auch nicht ein, bin mithin also nicht auch nur ein bisschen für deren Geschäftspolitik verantwortlich und bitte daher darum, wegen solcher Einzelfälle nun nicht gleich nach noch mehr Regeln auf dem ohnehin schon kaputtgeregelten Arbeitsmarkt zu rufen. Richten wir stattdessen unser Augenmerk auf die Frage, warum ein Unternehmen überhaupt auf solche Ideen kommt. Ich vermute einfach mal: Die Löhne waren halt zu hoch. So - welche Möglichkeiten hat ein Unternehmen, Lohnkosten zu senken? Nicht allzu viele, würde ich sagen. Leute entlassen geht nicht, wenn man vorher schon eine vernünftige Personalpolitik verfolgt hat und halt nicht mehr Leute beschäftigt, als sinnvollerweise nötig ist. Tarifverträge nach unten zu verhandeln dürfte fast unmöglich sein, ich schließe nichtmal aus, dass das sogar verboten sein könnte in diesem Land. Bliebe noch, Filialen zu schließen. Damit wäre weder dem Unternehmen, noch den Kunden und schon gar nicht den Mitarbeitern gedient. Schlecker hat sich dafür entschieden, stattdessen seine Personalstrukturen im großen Stil zu verändern. Es wird sich zeigen, dass das auf diese Art und Weise alleine aufgrund des PR-Gaus ziemlich teuer war und ehrlichgesagt finde ichs auch ganz schön beknackt, sich bei so einer Sache so dämlich anzustellen, dass man relativ leicht merkt, was da läuft (Stichwort: personelle Verflechtungen). Aber Dummheit zu bestrafen sollte trotzdem das Vorrecht der Bürger bleiben. Ich denke nicht, dass hier Bedarf besteht, Gesetze rauszuhauen deren voraussichtliche bürokratische und arbeitsmarktverkrustende Kollateralschäden es mir schon bei dem Gedanken daran kalt den Rücken runterlaufen lassen. Dieses Land ist wirklich lange genug kaputtgeregelt worden. Bei jedem Missstand gleich “Marktversagen!” zu schreien, ist zu einfach. Um einen Markt mal versagen zu sehen, müssen wir ihn endlich wieder überhaupt erst wirken lassen. Übrigens halte ich die These, in den letzten Jahren würde es in diesem Land in irgendeiner Weise vor allem in Richtung mehr Marktwirtschaft gehen, für sehr gewagt und hätte dafür gerne mal ein paar Beispiele. Die durch Mindestlöhne verhinderte Öffnung des Postmarktes? Der verhinderte Wettbewerb auf der Schiene, durch halbherzige Liberalisierung? Diskussionen über Höchst-Gehälter? Zwangsenteignungen? Seit ich mich für Politik interessiere, wird Marktwirtschaft und Freiheit unter dem Strich jedenfalls Stück für Stück beseitigt.
Bastian am 11. Januar 2010 um 00:11
“anderen Eingriffen des Staates in die Verträge zweier “Parteien mit freiem Willen” verdanken wir zum Beispiel, dass wir defekte Ware bis zu 2 Jahre später noch umtauschen dürfen, Verträge mit Versicherungsvertretern auch 2 Wochen später noch gekündigt werden können, …”
Case am 11. Januar 2010 um 03:02
Du scheinst liberal mit libertär zu verwechseln. Und zum Verständnis warum Liberale sehr wohl einen Staat wollen (Stichwort Ordoliberalismus) empfehle ich dir als Lektüre “Die Logik des kollektiven Handelns” von Mancur Olson. P.S. Im Kapitalismus können sich beide Parteien nie auf der selben Stufe entgegentreten. Das Kapital ist immer im Vorteil, daher ist das Geschafel vonwegen “Parteien mit freiem Willen” und so absolut obsolet. Die Mehrheit arbeitet heute nicht aus “freien” Stücken, weil das so toll ist, sondern weil man sich ernähern, kleiden, etc. muss!
Jan am 11. Januar 2010 um 10:25
Case, in Deutschland herrscht aber kein Kapitalismus. In Deutschland gibt es einen ganzen Sack voller Gesetze, die einzig und allein das Ziel haben, die von dir angezweifelte Gleichheit der Parteien herzustellen. Darum haben Gewerkschaften zum Beispiel verschiedene Sonderrechte und darum gibt es verschiedene staatliche Schutzrechte für Arbeitnehmer. Und nicht zuletzt gibt es gegen “das Kapital” immer noch den Plan B namens HartzIV und dieser Plan B enthält sogar noch viel mehr als nur das von dir als zu Arbeit zwingende ernähren und kleiden.
Jan G. am 11. Januar 2010 um 22:24
Bisher habe ich immer unter “Jan” hier geschrieben. Nun sind wir wohl zu zweit. Möchte nur sagen, dass die Beiträge hier nicht von mir, Jan G., sind.
Case am 11. Januar 2010 um 22:59
Diesen Kommentar kann ich leider nicht für voll nehmen. Wenn in Deutschland kein Kapitalismus herrscht, was denn dann????? Auch die sog. “Soziale Marktwirtschaft” ist Kapitalismus. Vielleicht hättest du gerne mehr Kapitalismus, das ändert aber an den Tatsachen nichts. Hinterlasse einen Kommentar
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